Rolf Stolz · · · Literatur und Photographie
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DER GAST DES GOUVERNEURS IN DER WAND DES KRATERS
"Wer stirbt, ehe er noch lebt, stirbt nicht, wenn er stirbt."
Ein Franzose, Professor für Rechtsgeschichte, gerade vierzig Jahre alt, europa- und ehemüde, unentschieden zwischen mehreren Frauen, aufgespalten zwischen Revolutionsträumen und Anpassungsrealität, zwischen touristischen Sehnsüchten und handgreiflichen Auswanderungsplänen schwankend, reist zwischen Dezember 1979 und Januar 1980 durch mehrere Länder Mittelamerikas - auf der Suche nach einem Fluchtparadies, das nicht zu finden ist. Die Reise beginnt im damals noch halbkolonialen Belize (ehemals Britisch-Honduras, daher der Gouverneur), führt durch Guatemala, El Salvador und Nikaragua nach Costa Rica und endet dort in der Wand des Vulkans Irazú. Wie dieser europäische Intellektuelle versucht, der Rolle des Fremden, der nicht verstanden wird und nichts versteht, zu entgehen, wie ihn seine Vergangenheit (die Geschichte seiner zwischen Algerien und Frankreich zerrissenen Kindheit) mehr und mehr einholt, wie er verrät und verraten wird, hat eine ganz spezielle Tragik und Komik. Es geht um ein Stück Leben eines Menschen, der sich in den politischen und privaten Bewegungen verloren hat. Er hofft vergeblich, sich neu zu finden in eindeutigen Erlebnissen und in dauerhaften Beziehungen zu Frauen, die sich genausowenig aus ihrer Vergangenheit lösen wie er selbst. Diesem privaten Scheitern entspricht der Niedergang, die allenfalls ein spukhaftes Fortvegetieren zulassende Selbstauslöschung, jenes an vielen Ecken und Enden Europas 1967/68 mit großen Hoffnungen und kleinen Zweifeln begonnenen Aufbruchs. Die Idylle des provinziellen Belize, die blutige Konfrontation zwischen indianischer Mehrheit und europider Oligarchie, zwischen halluzinativer Vergangenheit und deprimierender Gegenwart in Guatemala, der kurzzeitige halbrevolutionäre Schwebezustand in El Salvador, die schon vom beginnenden Bürgerkrieg überschattete Anfangseuphorie des sandinistischen Nikaragua, die maskenstarre Friedlichkeit Costa Ricas schaffen sehr unterschiedliche Hintergründe für Anläufe, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, sich von alten Bindungen zu lösen, ohne neue eingehen zu müssen. In Aufbau, Stil und Tempo des Romans widerspiegelt sich ein Prozeß, der von der relativen Ruhe und Zuversichtlichkeit der ersten Tage in der Neuen Welt über eine zunehmende Gehetztheit und Rückwendung in die eigene Geschichte zu einem Finale führt, in dem das Handeln sich nicht nur als sinnlos, sondern als katastrophal erweist. Wer mag, kann dies auch beziehen auf das generelle Fiasko europäischer Weltdeutungs-, Weltveränderungs- und Welteroberungsversuche. So wie die spanischen Konquistadoren nur scheinbar die Sieger blieben, so wie die Familie des Protagonisten mit der Kolonialmacht der Grande Nation ihre algerische Heimat verlassen mußte, so scheitert auch dieser durchaus unheroische Held, der schon als Geschlagener ankommt und in keinem "anderen Land" eine Zukunft finden kann. zum Seitenanfang
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