Rolf Stolz
Literatur und Photographie



©Rolf Stolz 2002


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Rolf Stolz: E. S., Mörder
Roman

Erstes Kapitel
Etagen

Ellen schrie von unten her, mit all der Kraft einer starken, groß und breit geratenen Frau: „Für unser Kind wird das sein, wir brauchen das Kinderzimmer. Ihr habt genug Platz, ihr kommt hin. Sowieso waren wir zuerst da.“ Sie war nicht allein: Sie hatte ihren Ritter keine zwei Schritte entfernt auf die oberste Treppenstufe gescheucht. Die andere Frau, jünger und zwei Köpfe kleiner, die oben an der Treppe den besseren Platz hatte, mittendrin im Kampf, wollte erst eins draufsetzen, daß eine alte Kuh mit vierzig nicht mehr kalben wird, aber dann besann sie sich und blieb ruhig. Sie schwieg auch deshalb, weil sie gerade jetzt an Ellens Totgeburt und an ihr eigenes, so bald schon totes Kind denken mußte. Die unausrottbaren Innenbilder stopften ihr fürs erste den Mund.
Strittig war eine Kammer, zwischen Dachschräge und Dachwohnung eingeklemmt, vielleicht drei mal drei Meter groß. Früher hatte sie jahrzehntelang leergestanden wie der ganze Speicher und die einstigen Dienstmädchenkammern, in denen sich vor hundert Jahren der erste Erbauer und Hausherr, ein calvinistischer Sektenprediger, Nacht für Nacht ausgetobt hatte und seine ganze Wut über die Unbekehrten und das verrottete Schöpfungsgemache abgeworfen hatte auf die Mägde unter ihm, und sein heißer Verschüttungsschweiß und der kalte Angstschweiß seiner Höllenträume war eingezogen in die Wände und zurückgeblieben in den knarrenden rotbraunen Dielen ...


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