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TAGEHEFT
ZUM TAGEHEFT
In den Tageheften habe ich seit dem 1. Mai 2011 Tag für Tag festgehalten, was mir wichtig war - in einem oder mehreren Sätzen. Hier im Netz sind diese Texte seit April 2013 erschienen. Das erste Tageheft (2011-2012) ist 2016 als Buch erschienen, das zweite (2013-2014) 2017, das dritte (2015-2016) 2018, das vierte (2017-2018) 2019, das fünfte (2019-2020) 2021, das sechste (2021-2022) 2023, das siebte (2023-2024) 2025 (siehe unter AKTUELLES).
1. April 2026
Wenn zuviele Menschen kommen, verschwinden viele Menschen, die vorher schon da waren.
2. April 2026
Glut ohne Feuer? Zusammenschweißen ohne Druck?
3. April 2026
Immer wieder in der Geschichte haben Imperatoren und Usurpatoren die Fahne der Befreiung und Selbstbestimmung geschwenkt, um naive Menschen zu täuschen.
4. April 2026
Für sich genommen hat jeder Recht. Aber nicht alle können ihm rechtgeben und ihm ihr Schicksal verpfänden. In der Grammatik kommt das ICH vor dem DU. Wer will einem Menschen sein Terrain verweigern und die Waffen, mit denen er sich im Notfall verteidigen kann?
5. April 2026
Menschen, die in der Fremde nicht zurechtkommen, stehlenden Gästen, in die Arbeitsverweigerung oder ins Streunen flüchtenden Flüchtlingen muß man helfen, in geeignete Umstände zurückzukehren.
6. April 2026
Großzügigkeit muß man sich leisten können. Selbstloses Verteilen des Eigenen ist beim Einzelmenschen hinzunehmen und gelegentlich sogar klug. Staaten, Nationen und Völker dagegen sind zu ihrem gesicherten Überleben darauf angewiesen, zuerst an sich und die eigenen Leute zu denken.
7. April 2026
Die Missionare des grenzenlosen Verschenkens müssen gelegentlich einen Kassensturz machen und sich ihren Begrenzungen anpassen.
8. April 2026
Neben unserer eigenen engen Welt so viele andere – die der Flaschensammler, die der Clankriminellen, die der Versorgungsfixierten – und alle in einem einzigen Strom, der uns bewegt, wie es ihm gefällt.
9. April 2026
„Frohe Zukunft“ ist nur eine Haltestelle, ein Endpunkt einer Vorortlinie.
10. April 2026
Die Zeit, in der dein Vorname wieder in Mode ist, wirst du nicht erleben.
11. April 2026
Man kennt allenfalls einzelne formal anspruchsberechtigte Erben in ihrer Jugend.
12. April 2026
Das Siegerlachen der jetzt noch Armen, die nach Vorrechten für sich rufen.
13. April 2026
Angebliche Sorge um einen Menschen ist in der Regel der blanke egoistische Übergriff.
14. April 2026
Auch ein feiner Zwirn überdeckt nicht die Löcher von der Schmerzensstraße und vom Dornenweg.
15. April 2026
Der Späher riskiert seinen Tod. Auch der Einbrecher, der Räuber, der Schläger gehen dieses Risiko ein. Warum wagen sie, einen gezielten Schuß abzubekommen?
16. April 2026
Je älter man wird, umso mehr erhalten die Wunden und Narben den Charakter des Unvermeidlichen und Nebensächlichen.
17. April 2026
Das in die Wissenschaften eingedrungene gehobene Spießertum und der aufstrebende Pöbel dort wollen die Geschichte nach ihren Wunschphantasien reparieren, statt sie zu nehmen, wie sie nun einmal war.
18. April 2026
El Kotzo sollte freiwillig abtreten und einige seiner Generationskumpane mitnehmen.
19. April 2026
Ich habe nichts gegen intelligente und interessante Krawallschachteln. Jene Autorin, die kürzlich im einstmals literarischen Haymon Verlag ihren Erstlingsroman FICKMÄDCHEN unter mühsamer Übersetzung des Titels ins amerikanische Gangsteridiom veröffentlichte, gehört definitiv nicht dazu.
20. April 2026
All die, die sich über die Künstler des Dritten Reiches oder der Sowjetzonen-DDR moralisch erhaben dünken, müssen nicht nur moralisch dreimal so gut sein, sondern auch ein Minimum an Intelligenz und künstlerischer Potenz aufweisen – neben den Ebern auch die dummen Säue, die sich an den Eichen reiben.
21. April 2026
Wenn man einen Philosophen für groß hält, nur weil er in seiner Heimat als groß gepriesen wird, sollte man zuerst prüfen, ob dieses einst großartige Land noch groß ist oder nicht vielmehr blind und krank.
22. April 2026
Die Rheinische Republik starb im besten Mannesalter – betrauert von ihren Parasiten und freudig verabschiedet von freien Menschen, die in ihren Hoffnungen allerdings zu wenig den Kohlonialismus und die Verkommenheit der Führungs- und Verführungsgruppen einkalkuliert hatten. Der oberste Salonphilosoph der Republik existierte fast doppelt so lange wie sein Schattenreich. In reichlicher Zeit brachte er nicht mehr zustande als Bestätigungsgestammel.
23. April 2026
Kein einziges der den deutschen Truppen zuzurechnenden Verbrechen rechtfertigt die polnischen und tschechischen Verbrechen der Nachkriegszeit. Die Untaten der Anführer auf der russischen Seite hatten andere Ursachen. Sie wurzelten in Rache und Dominanzstreben und natürlich nicht im Drang nach Emanzipation, sondern in einem großrussischen Separatismus, der seit Jahrhunderten auf die totale Verdrängung und Vernichtung des deutschen Elements gerichtet war. Auf der anderen Seite gab es die Aufgeklärten und Toleranten, aber wie immer entschied die Zahl derjenigen, die die Dinge zu entscheiden hatten.
24. April 2026
Für Gewalt und Terror gibt es keine Meßlatte. Nur eine Grobabschätzung mit den Augen.
25. April 2026
Relative Unempfindlichkeit gegen Schmerzen und Leid ist nur in Kombination mit einer manchmal mit Höflichkeit verhüllten Rücksichtslosigkeit zu haben.
26. April 2026
Man wird im allgemeinen im Alter langsamer und ungeduldiger mit dem, das noch werden soll.
27. April 2026
Der Realismus ist immer brutal. Otto Ludwig, der Begründer des poetischen Realismus, ist der beste Beweis. In seinem Meisterwerk ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE wartet an der Kante zum Nichts der Brudermord.
28. April 2026
Vielleicht sind ja doch DIE SCHWARZE HÜTTE und DIE WEISSE HÜTTE nur Bezeichnungen für die zwei Zugänge zu demselben Gebäude, vielleicht stürzen am Ende wie in den TWIN PEAKS des genialen David Lynch beim Schrei des CRYING OF HUMANITY all die Schwindelpaläste in sich zusammen.
29. April 2026
Sei dankbar, daß ein gütiger Gott Vorsicht und Angst einsetzte, um deine dunkelsten Pläne früh zu durchkreuzen.
30. April 2026
Wie oft der Abweg zum Abgrund und der Umweg zum Entkommen!
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