Rolf Stolz     · · ·     Literatur und Photographie

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TAGEHEFT

ZUM TAGEHEFT
In den Tageheften habe ich seit dem 1. Mai 2011 Tag für Tag festgehalten, was mir wichtig war - in einem oder mehreren Sätzen. Hier im Netz sind diese Texte seit April 2013 erschienen. Das erste Tageheft (2011-2012) ist 2016 als Buch erschienen, das zweite (2013-2014) 2017, das dritte (2015-2016) 2018, das vierte (2017-2018) 2019, das fünfte (2019-2020) 2021, das sechste (2021-2022) 2023, das siebte (2023-2024) 2025 (siehe unter AKTUELLES).

1. Mai 2026
Achtet die griechischen Tragödien, spielt sie nicht nach.

2. Mai 2026
Warum spricht man von sich, wo doch die Einzahl keine gesicherten statistischen Zahlen ergibt? Was könnte der Gewinn für den Leser sein, wenn er erfährt, was ich vor Jahrzehnten erlebt habe? Dennoch ist es nicht ohne Bedeutung, daß ich als Kind am Anfang der fünfziger Jahre ein vertriebenes Ehepaar kannte, das mit einem angenommenen Sohn, schon ein Jugendlicher, auf einem Dachboden in abgeteilten Verschlägen lebte. In dieser Zeit fuhr mancher Geschäftsmann seinen weißen Opel Kapitän, waren die meisten Kriegsschäden an den arisierten Villen beseitigt.

3. Mai 2026
Die Bereitschaft für eine mögliche Versöhnung mit den gestürzten ehemaligen Freunden und erst recht mit den geflohenen und verlorengegangenen Söhnen und Töchtern ist unerläßlich. Aber man muß sich bewußt bleiben, daß jede Familie ihre kranken und unter Umständen unheilbaren Mitglieder hat, bei denen die Trennung auf Dauer das von der nicht so blinden Evolution erzwungene Mittel der Wahl ist.

4. Mai 2026
Die, die euch goldene Berge und ein problemloses Leben versprechen, lügen. Ein verantwortungsvoller und gewissenhafter Politiker wird von vornherein sagen: Es wird Tote geben – Terroropfer, erschossene Terroristen, Selbstmörder. Es wird Verzweiflung und dauerhaft Niedergeschlagene geben, manche davon schuldlos. All das ist nicht zu verhindern. Wir können ein wenig das Leid reduzieren, ein wenig trösten und eine überschaubare Hoffnung verbreiten.

5. Mai 2026
Die Moralvorstellungen der Siedler an den Westfronten waren zumindest einfacher und klarer als die unseren, die durchgetriggert, entleert und versensibelt sind. Die Moral der Siedler entstand im selbstgewählten blutigen Überlebenskampf mit Männern, die sich mannhaft wehrten und nicht in billige Kompromisse flüchteten.

6. Mai 2026
Erfreue dich an den Rosenblüten, beklage dich nicht über die Zweige, an denen du Halt suchtest.

7. Mai 2026
Laß dir nicht erzählen, daß es unter ausländischen Ärzten mehr schlechte gibt als unter einheimischen - eher weniger, denn die Neuankömmlinge müssen in der Fremde erst noch ihren Weg finden. Daher strengen sich die meisten von ihnen mehr an als die etablierten Posteninhaber.

8. Mai 2026
Der Satte lebt angenehm. Wird er arbeiten? Wird er aus Hunger nach Neuem und aus einem Begreifen des Alten und Vorgegebenen heraus etwas schaffen wollen, das ihn überrascht an der Grenze seiner Fähigkeiten?

9. Mai 2026
Einen, der sich im Stillen nicht nur für einen Kerl, sondern für den KERL überhaupt hält, laut und öffentlich in seinem Beisein einen Kerl zu nennen, den man selbst im Grunde mag, kann riskant sein.

10. Mai 2026
Alle Schweine können grunzen. Jeder kann in Zeiten der KI ein Buch schreiben, leider nicht jedes.

11. Mai 2026
Allenfalls die miserablen Abfallvarianten der Kunst erleichtern das Einschlafen. Herr Gutekunst und Frau Erfolg kommen nicht zusammen, weil man sich gegenseitig als Versager sieht.

12. Mai 2026
Erzählen dient dem Verbergen.

13. Mai 2026
Eine inzwischen nicht mehr selbstverständliche Banalität: Bildung und Erziehung vom Kindergarten bis zur Universität sind hoheitliche Aufgaben des Staates an der Seite der Familien.

14. Mai 2026
Zuhause, für mich, bevorzuge ich die leichten Trainingshosen, die dem Modeschöpfer so mißfielen.

15. Mai 2026
Es ist und war lächerlich, Heideggers Schreibweise SEYN für lächerlich zu halten. Unterscheidung, Abgrenzung und Genauigkeit sind in der Philosophie unerläßlich.

16. Mai 2026
Gäbe es doch in unserem Leben akustische Signale für das Ablaufen eines Abschnittes.

17. Mai 2026
Was wäre das Ergebnis, wenn jedem, der in den Medien herumdengelt, eine Eintragung in der Personalakte unter dem Stichwort ANTIDEUTSCHER RASSISMUS drohte?

18. Mai 2026
Der rasante Verbrauch geframter Wörter zwingt dazu, die Feuchtgebiete nach Nachschub zu durchforsten.

19. Mai 2026
Grundbedingung für ein Minimum an Bedeutung in der Philosophie ist, das vorhandene Denken zu transzendieren.

20. Mai 2026
Wie kann sich jemand erlauben, von GOTTFERNE zu schwafeln, wo es doch stets offen bleibt, ob Gott überhaupt einen Ort hat und, wenn ja, wo er zu finden wäre.

21. Mai 2026
Wenn der, den wir GOTT nennen, ALLES ist, dann ist er auch nichts als das Nichts.

22. Mai 2026
Wer sich beugt, nähert sich unmerklich dem Schafott.

23. Mai 2026
Die Völker haben recht. Zumindest eher und häufiger als ihre Regierungen. Die Völker haben Rechte, damit sie sich darauf berufen können – in der Regel ergebnislos.

24. Mai 2026
Was die Menschen aus den Kriegen mitbringen, ist eine krause Mischung einerseits aus Irrtümern und Vorurteilen und andererseits aus zutreffenden Erfahrungen und plausiblen Erkenntnissen.

25. Mai 2026
Die Soldaten haben auf andere Soldaten geschossen. Selbst wenn sie diese Menschen aus dem früheren Leben gekannt hätten, hätten sie sie wohl kaum erkannt und geschont. Selbst der SOLITARY SNIPER erschießt seinen Bruder im Kampf um eine fragliche Freiheit. Schon um sich zu schützen, zielt kaum ein Soldat daneben.

26. Mai 2026
Ich war nicht da, wo ich war. “Ich glaube, ich bin im Wald“, sagte ich mir, aber ich war an der Börse inmitten von fließenden Millionen. Gab es überhaupt den Wald? Ich lebte ohne ihn.

27. Mai 2026
Wenn zuviele Soldaten und Staatsbedienstete fragen WARUM ALL DAS? und FÜR WEN WIRD DAS GETAN?, ist ein Land verloren.

28. Mai 2026
Die blinde egoistische Verweigerung ist verheerender als der blinde knechtische Gehorsam.

29. Mai 2026
Man kann sich und seine Partei DEMOKRATISCH nennen und mit der Demokratie soviel zu tun haben wie eine Seekuh mit der Zwölftonmusik. Die Feindschaft dieser „Demokraten“ gegen ihr Land, zumal in Zeiten, wo ihnen außer Oppositionsgegeifer wenig Handlungsmöglichkeiten bleiben, ist notorisch. Mit gleicher Energie hassen sie die Demokratie.

30. Mai 2026
In den Ämtern liegen Beschwerdebriefe der islamistischen Vereine vor, sie seien beschmutzt worden durch offizielle Zahlungen des Staates der Ungläubigen, etwa durch mehr als acht Millionen Euro an ISLAMIC RELIEF zur Weitergabe an die Muslimbrüder. Dies verhindere ihre überzeugende Darstellung als Rassismus- und Phobieopfer.

31. Mai 2026
Gerade eben hat Herr Mieselpriem, der sich als zufälliger Theaternachbar beengt und angegriffen fühlte durch meinen Ellbogen auf der Sitzabtrennung zwischen uns, noch neben mir gesessen, aber schon eine Minute später finde ich ihn im durch die Restauration herumflanierenden Pausenpublikum mehrfach wieder, ohne daß ich mich für eines der Duplikate entscheiden kann. Herr Mieselpriem wurde offenkundig im Dutzend produziert.

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