Rolf Stolz     · · ·     Literatur und Photographie

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TAGEHEFT

ZUM TAGEHEFT
In den Tageheften habe ich seit dem 1. Mai 2011 Tag für Tag festgehalten, was mir wichtig war - in einem oder mehreren Sätzen. Hier im Netz sind diese Texte seit April 2013 erschienen. Das erste Tageheft (2011-2012) ist 2016 als Buch erschienen, das zweite (2013-2014) 2017, das dritte (2015-2016) 2018, das vierte (2017-2018) 2019, das fünfte (2019-2020) 2021, das sechste (2021-2022) 2023, das siebte (2023-2024) 2025 (siehe unter AKTUELLES).

1. Juni 2026
Wir sind die Dekabristen der ausgebliebenen Revolution. So einsam, so verloren.

2. Juni 2026
Daß die Zukunft sich nicht berechnen läßt (jedenfalls jenseits der Abschätzungen der Wahrscheinlichkeitsrechnung), erlaubt es den Revolutionären, darauf zu spekulieren, das gegebene Leid werde größer sein als das erst noch anzurichtende.

3. Juni 2026
Wer nicht aus seinen Gründen im Konflikt steht mit Teilen der Theorie und der Praxis der Rechten wie der Linken und der angeblichen selbsternannten Mitte, hat entweder keinen Verstand oder keinen Charakter.

4. Juni 2026
Es gibt eine dumme bis bösartige Rechte, die ignoriert und ableugnet, was aus der historischen Linken großartig ist – die klare Schärfe bei Marx und Engels, die wunderbare Illusionsutopie des Lenin von STAAT UND REVOLUTION, Persönlichkeit und Briefe der Rosa Luxemburg, die Trotz-Alledem-Aufrufe Karl Liebknechts und manches sonst. Es gibt eine dumme bis bösartige Linke, die ignoriert und ableugnet, was aus der historischen Rechten großartig ist – die tiefen Weltdeutungen Oswald Spenglers, die trotz etlicher Verirrungen stilistisch einzigartigen Weltentwürfe Arthur de Gobineaus, die oft unfröhlichen Einsichten Arthur Moeller van den Brucks und Arnold Gehlens und manches sonst.

5. Juni 2026
Keiner ist durchgängig ganz gezähmt und an das umzäunte Leben im Hauskreis gebunden. Immer mal wieder bricht das durch, was wir von den Tieren in unserer Entwicklung schon vor Jahrmillionen mit auf den Weg bekamen. Die Morde, die Amokläufe, die Kriegsdienste unter Vorwand.

6. Juni 2026
Wer will uns, die wir Rebellen waren und Rebellen geblieben sind, das Wort verbieten? Wer will es wagen, uns ein einziges Wort zu rauben und uns dafür ein anderes, von den Herrschern oder vom Pöbel erwünschtes vorzuschreiben? Wir sind und wir bleiben Zigeuner.

7. Juni 2026
Von jedem Propheten muß man verlangen, daß er uns den wahrscheinlichen Gewinn der von ihm geforderten Veränderungen und deren wahrscheinliche Kosten vorrechnet. Die Gewinnaussicht sollte anschließend halbiert, die vermuteten Kosten dagegen verdoppelt werden.

8. Juni 2026
„Ich gehe davon aus, daß Sie frei entscheiden können, aber aus Verantwortung zur Regierung immer JA sagen.“

9. Juni 2026
Lauter kleine Hakenkreuze machen keine neue Machtergreifung. Nicht die Nadelstiche töten.

10. Juni 2026
Preußen formte die Menschen, die es für eine stets von West und Ost bedrohte Mittelmacht in der Mitte Europas brauchte, um die unerläßliche Einigung und regionale Dominanz zu erzwingen, um aufzurüsten durch und gegen die Volkswiderstände zu einem starken Land der Kultur, der Wissenschaft, der Technik und des Militärs – geordnete Menschen, aber auch flexibel und mit freiem Raum bei genügend Einsatz der eigenen Persönlichkeit.

11. Juni 2026
Daß man die Drogenabhängigen und ihre Versorger frei und in Ruhe läßt, zeigt ihnen gegenüber die äußerste Gleichgültigkeit und Grausamkeit.

12. Juni 2026
Die POLNISCHE WIRTSCHAFT war eine Tatsache, von der untergehenden Adelsrepublik bis in die kommunistische Zeit - zwischen dem als Normalität vorherrschenden Durcheinander und dem HOCHWÜRDIGEN HERRN KANONIKUS des Kasimierz Przeraw-Tetmajer. Diese Erzählung ist ein weltliterarisches Meisterwerk. Es gab auch eine österreichisch-schweizerische Linie der Tetmajers, aber Kasimierz gehörte zur polnischen. Unsere Leute blieben für sich, bis auf einige, die sich den Polen anschlossen und hinüber zur Mehrheit wechselten.

13. Juni 2026
Lebt ein Orientale mit einer Nicht-Orientalen, dann wird es knallen, wenn ein ernster Moment kommt und ein prinzipiell gegebener unüberbrückbarer Zwiespalt sich zeigt. Nur die Orientalen haben durchgängige Freude am Kampf, nur sie wollen keinen schnellen leichten Kompromiß. Manche von ihnen sterben lieber, ob in Masada oder in Jerusalem.

14. Juni 2026
Das Elfte Gebot: Menge dich nicht in die Angelegenheiten deines Nächsten. Dieser Verzicht ist eine elementare, essentiell notwendige Voraussetzung für Liebe.

15. Juni 2026
Feuer erscheinen aus der Ferne als ein Spiel. Erst im Nahbereich brennen wir.

16. Juni 2026
Die Rehe: Gejagte, die wir als Symbol des Waldfriedens nehmen.

17. Juni 2026
Wir, die wir uns den Kampf herbeigewünscht hatten, klagen allein schon wegen der Möglichkeit, verwundet zu werden.

18. Juni 2026
Alles, was es gibt, ist in seiner Existenz langsamer oder schneller verschwindend. Nur das Sein verschwindet nicht. Es gibt es und es gibt es nicht und immer ist es anders als das Existente.

19. Juni 2026
Was ein Dasein hat, kann nur als Begrenztes existieren. Unbegrenzt ist nur das Seiende.

20. Juni 2026
Das Existierende ist über seine Attribute und nur über seine Attribute bestimmbar, das Seiende über das Fehlen aller Attribute bzw. deren Sinnlosigkeit.

21. Juni 2026
Aus der Unendlichkeit kein Ausgang.

22. Juni 2026
Sind nicht alle vergangenen Tage verlorene? Trotz ein wenig Nachhall in Erinnerungen, in wegfaulenden Küchenresten.

23. Juni 2026
Wie oft ist es uns untergekommen, daß wir den Ablauf der Zeit als zu langsam empfanden. Und doch geht und vergeht alles viel zu schnell.

24. Juni 2026
Es ist das Paradox des Glaubens, daß er, wenn wir alles ganz verstünden, nichts wert wäre. Wir müssen glauben, wenn es uns unmöglich ist – im Handstand auf einem sinkenden Brett.

25. Juni 2026
Dann sagen sie eben danach: „Er war ein Großer, wir haben es nicht bemerkt.“ Aber auch der Trauerzug der Tausende hat den toten Beethoven nicht erwärmt.

26. Juni 2026
Ein Lyriker braucht einen Teil Autismus, Kälte und Hitze im Blut oder er wird verkommen zu einem gewöhnlichen Versfabrikanten.

27. Juni 2026
Heine und Platen in mir zu tragen trägt mich durch manche öde Steppen.

28. Juni 2026
Die Literatur, die Kunst – sie stehen höher als die grundsätzlich begrüßenswerte Fairneß gegenüber Kollegen. Jenseits menschlich-moralischer Maßstäbe hatte Rimbaud recht gegen Verlaine.

29. Juni 2026
Im allgemeinen ist das Allgemeine eine leere hohle Form.

30. Juni 2026
Wir haben so wenig Zeit für das, womit wir uns eigentlich beschäftigen müßten. Aber wir wenden viel Zeit auf, uns mit der Zeit und unserem Ende zu beschäftigen.

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